Gefühle (wert)frei fühlen




Seit meiner Jugend war ich viele Jahre unglücklich mit mir selbst. Ich hab‘ mich oft allein gefühlt, hatte Angst, war eher depressiv als lebensfroh. Und immer wenn ich mal wieder feststellte, dass ich mich nicht gut fühlte, wusste ich zu allem Überfluss auch nicht wie damit umgehen. Es war dann oft so, als würde mir ein kleiner Vogel ins Ohr flüstern: 

„Wenn du dich schlecht fühlst, dann bist du auch selbst schlecht. Gute Menschen fühlen sich gut und die, denen es nicht gut geht – die machen einfach etwas falsch.“

*Puh* Was für eine Ansage.

Heute weiß ich: das war ein tragischer Fehlschluss und ist eine der größten Köder, der Selbstoptimierungsindustrie.

Gefühle, auch die unangenehmen, haben nichts mit Wert oder Würde eines Menschen zu tun und es führt nur noch in größeres Leiden hinein, wenn wir sie bekämpfen. Gefühle sind natürlicher Ausdruck meiner Lebensenergie. In unangenehmen Gefühlen, wie Ohnmacht, Ärger oder Angst machen sich Bedürfnisse Luft, die gerade nicht erfüllt sind. Hier zeigt mir mein Körper, dass seine Kapazität mit der Situation umzugehen, überschritten ist und etwas von mir braucht. Gefühle sind demnach niemals falsch, gut oder schlecht. Sie sind Botschaften. Sie sind ein Teil der „Sprache des Lebens“ (Marshall Rosenberg) Unangenehmes Erleben deute ich heute erstmal als einen Schrei nach Präsenz, nämlich meiner Präsenz mit mir selbst. Dann nehme ich mir die Zeit zum Innehalten, um eine innere Verbindung aufzubauen. Wenn diese wieder da ist, frage ich mich:

Was möchte das Gefühl mir sagen?
Was braucht es gerade von MIR?


Wenn sich das Gefühl dann wirklich gehört und akzeptiert fühlt, wenn es wirklich bei ihm ankommt, dass ich da bin und es nicht wieder loswerden möchte, dann entspannt es sich und die in ihm gebundene Energie wir in Form eines angenehmen Entlastungsempfindens frei. Es geht hier also um innere Beziehungsarbeit und nicht um Verbesserung.


Der Vogel singt heute immer noch auf meiner Schulter, dafür aber sehr viel leiser als früher. Er hat auch eine Schwester bekommen, die immer öfters in meinem Herzen singt. Sie erinnert mich, wenn ich im Alltag mal wieder in einem unangenehmen Zustand lande: 

– ES IST OK JETZT INNEZUHALTEN –

Ich möchte in meinem Leben mit all der mir möglichen Akzeptanz meinen Gefühlen Raum geben. Ich habe keine Lust mehr sie wegzuregulieren, wegzutherapieren oder wegzumeditieren. Und ich möchte auch mein Umfeld von dem Druck entlasten, dass es diese Gefühle nicht in mir auslösen darf.

Ich möchte eine Schale sein, in der das Leben frei fließen kann. Warum? Weil es sich echt anfühlt. Weil es sich lebendig anfühlt. Weil ich auf diese Weise viel mehr Verbundenheit und Vitalität erleben kann als früher, als ich noch angepasst war an eine Umgebung, deren Toleranzfenster für Angst, Traurigkeit oder Wut etwa so breit war wie eine Stecknadel. Da bleibt nicht viel Raum übrig.
 
HEUTE bin ich erwachsen und ich KANN und möchte mir selbst eine Basis sein, die sich sicher genug anfühlt, um mir zu erlauben, dass früher verurteilte Gefühle & Bedürfnisse aufatmen können. 

Let’s breathe.

Hier noch ein kleiner Audioimpuls zum Thema: Mich einem „lieblings – unangenehmen Gefühl“ mal hinwenden und eine Verbindung dazu aufbauen. Das öffnet einen Raum nach innen und stärkt die Beziehung zu uns selbst.

Anna