Vom ohnmächtig fühlen

Es gibt da so eine Stille in manchen Menschen,
die mehr ein Stummsein ist.
Da ist manchmal Etwas in ihnen, das sehr lange schon nichts mehr gesagt hat.
Es ist einfach nur noch da, schweigt und schaut wie versteinert in die Welt. Dabei war es eigentlich mal sehr lebendig.
Ab und zu bricht seine Totenstille aus jemandem heraus mit einem Schrei, der die Kraft hat, alles durcheinander zu bringen und es auch tut.
Doch dann verstummt der Schrei wieder hinein in die Normalität eines Alltags, der mächtiger erscheint.
Das ist Ohnmacht.
Dieser kleine Text handelt von einem Gefühl tiefen Leidens, welches mit dem Erleben eines übergroßen Mangels oder einer übergroßen Bedrohung einhergeht: Es geht um Ohnmacht.
Ohnmacht meldet sich immer dann, wenn unser Autonomes Nervensystem Etwas wahrnimmt, von dem es ausgeht, dass es für uns in diesem Moment nicht bewältigbar ist.
Das kann der Gedanke an eine bevorstehende Prüfung oder ein Treffen mit einem unliebsamen Menschen sein. Es kann die Nachricht einer Krankheit sein oder des Todes einer nahestehenden Person. Es kann aber auch das immer wieder nicht gesehen und gehört werden sein, das wir in öffentlichen Einrichtungen oder vielleicht sogar in der Familie erleben. Es kann aber auch das Gefühl der Wut sein, das uns einfach überwältigt und mit dem wir noch nicht wissen richtig umzugehen. Es gibt viele Auslöser für Ohnmacht, aber nur einen Zweck, den sie erfüllt.
Ohnmacht will uns schützen.
Aber wie macht sie das? Es ist eigentlich ganz einfach:
Wir frieren ein. Wir erstarren.
Diese Schutzreaktion hat die Natur entwickelt, um kurzzeitige höchstbelastende Gefahrensituationen zu überstehen. Denn der Vorteil eines solchen Zustands ist: man wird kleiner, wird weniger wahrgenommen, ist weniger interessant für Angreifer und damit keine so attraktive Beute mehr.
Mit dem „Eifrieren“ des Nervensystems geht auch ein Verstummen einher. Wir können weder klar denken noch uns normal ausdrücken. Unser Inneres ist im äußersten Alarmzustand und schneidet uns ab von unangenehmen Gefühlen und betäubt uns.
Daran ist insgesamt nichts falsch und auch nichts krank. Es handelt sich hier um einen natürlichen Schutzinstinkt unseres Körpers, den wir mit so gut wie allen Tieren auf diesem Planeten teilen. Doch anders als bei den meisten Tieren, erleben wir Menschen bei uns öfters mal ein „Feststecken“ in diesem Zustand der Ohnmacht. Unsere Nervensysteme finden nicht mehr zurück in die Sicherheit. Es entsteht eine sogenannte „Dysregulation“, die sich über Jahre verfestigen kann.
Die Neuroampel zeigt Dir die 3 Grundzustände Deines Nervensystems. Ohnmacht (blau) ist nur einer davon. Daneben gibt es noch den grünen Bereich der sicheren Verbundenheit und den roten Bereich, der für Kampf & Flucht steht.

Es ist nicht Teil Deiner Persönlichkeit – es ist Stress.
Doch was ist, wenn dieses Einfrieren und Erstarren schon so früh im Leben begonnen hat, dass es zur Normalität geworden ist? Was ist, wenn die Ohnmacht in Kindertagen oft sehr groß war & dann Dein Nervensystem wiederholte male keine Sicherheit gefunden hat, um sich wieder zu regulieren? Dann war es womöglich das einzig richtige im Funktionsmodus irgendwie durchzukommen.
In solchen Fällen kann es sein, dass die Ohnmacht lange anhält und dann zur Identität wird und alles was mit dem Notprogramm des Nervensystems zusammen hängt, fälschlicherweise als „Persönlichkeit“ missverstanden wird.
Das sind dann vielleicht die stummen, stillen, zurückgezogenen oder auch braven Kinder, die keine „Probleme“ machen, aber auf der anderen Seite auch nicht wissen wer sie wirklich sind.
Oder es sind die, die Angst haben sich wirklich zu zeigen oder ihre eigene Meinung zu äußern, weil sie zu oft erlebt haben, dass es eh keinen interessiert oder weil ihnen zu oft ins Wort gefallen wurde. Und wenn sie dann später im Leben doch mal in eine Situation kommen, wo es um sie geht oder wo sie Aufmerksamkeit bekommen, bringen sie plötzlich keinen Ton heraus, weil das Nervensystem in der Vergangenheit hängen geblieben ist.
In ihrem Inneren wissen diese Menschen oft, dass sie eigentlich anders sind oder sein könnten. Sie wissen, dass MEHR in ihnen steckt und sie sehnen sich nach Lebendigkeit, doch der Körper hat noch nicht aus der Ohnmacht herausgefunden.
Vielleicht ließt Du das gerade und weißt genau was ich meine…?
Was mir hilft:

Ich persönlich kenne das Verstummen und Einfrieren sehr gut. Es gehörte lange Zeit zu meinen Grunderfahrungen im Alltag, in der Schule und später auf Arbeit. Als ich begann über das Nervensystem zu lernen und mit Focusing & Somatic Experiencing in Kontakt kam, veränderte sich das langsam aber sicher. Heute kann ich Zustände der Überforderung schnell erkennen und kenne Wege, um in meine Sicherheit zurück zu finden.
5 Schritte, um ein bisschen mehr Sicherheit in mir zu spüren:
Innehalten: Ich nehme mir einen Moment und lege mir die Hand aufs Herz um mir zu zeigen, dass ich bei mir bin.
Durchatmen: Ich nehme mir Raum zum tief Atmen, Strecken und Gähnen.
Benennen: Ich benenne meinen Stress und schenke ihm Akzeptanz statt Ablehnung: „Ja, das ist Ohnmacht“; „Ja das ist Stress“; „Ja, das ist Angst.“
Orientieren: Ich gebe mir Zeit, um mich in der unmittelbaren Umgebung zu orientieren
Anker spüren: Ich suche mir einen angenehmen Reiz, der mir den Eindruck eines Wohlgefühls vermittelt, das mich ein wenig erdet.
Hast Du Lust diese kleine Übung auch einmal auszuprobieren? Wie wirken diese fünf Schritte auf Dich? Welcher Teil davon tut Dir besonders gut?
Anna