Ich selbst bin mein Brunnen

Früher sah ich den größten Wert in meinem Leben vor allem darin, für andere da zu sein.
Ich war die, die andere unterstützte, ihnen Kraft gab, ein sicherer Ort war, eine emotionale Ressource. Ich war das, was man heute eine „Peaple Pleaserin“ nennt. Beim Helfen fühlte ich mich sicher – es gab mir oberflächlich gesehen Halt und Sinn. Doch es brannte mich auch aus.
Denn da war auch noch etwas anderes, nämlich die Sehnsucht ich selbst zu sein. Ich hatte stets das Gefühl, dass ich eben nicht so ganz ich selbst war und dass ich erst ich selbst werden müsste. Diese Idee brachte mich nun aber erstmal nicht dazu mal Pause zu machen und mich um mich selbst zu kümmern, nein. Sie erzeugte anfangs ein Ziel für das ich arbeitete – an mir arbeitete. Und es nährte meine Selbstwertwunde, also meinen Glaube, dass ich jetzt eben noch nicht gut genug bin.
Dass ich an mir arbeiten müsste, stand außer Frage. Auf meiner Agenda standen Weiterbildungen, Coachings, Meditation, Yoga, Ernährungsumstellungen, Bücher, die es zu lesen galt und noch so einiges andere mehr….
Einige Jahre war ich so unterwegs im „Modus des Tuns“. Ich machte mich nützlich für andere und wenn dann Raum da war, arbeitete ich eben an mir.
Der Begründer des MBSR-Programms, Jon Kabat-Zinn, beschreibt einen Unterschied zwischen dem „Modus des Tuns“ und dem „Modus des Seins“. In der Achtsamkeit geht es oft darum, dem gegenwärtigen Moment zu begegnen, ohne ihn sofort verändern zu müssen.
Im Modus des Tuns versuchen wir, eine Lücke zwischen dem zu schließen, wie die Dinge gerade sind, und wie sie sein sollten. Wir analysieren, planen, optimieren und lösen Probleme. Dieser Modus ist wichtig und hilfreich. Doch er ist nicht für jede Lebensfrage die passende Antwort und vor allem ist er ganz oft Angstgetrieben.
Im „Modus des Seins“ wiederum geht es nicht darum, etwas zu erreichen oder zu reparieren. Es geht darum, dem gegenwärtigen Moment und uns selbst so zu begegnen, wie wir gerade sind. Und dabei geschieht etwas erstaunliches.
Vor ein paar Monaten wurde mir dieses „Wunder“ mal wieder besonders deutlich, als während einer Meditation plötzlich die Erkenntnis auftauchte:
„Ich selbst bin mein Brunnen.“
Nicht die Anerkennung von außen, nicht die nächste Weiterbildung, nicht die perfekte spirituelle Praxis, nicht das ständige Optimieren meiner Persönlichkeit sind der Schlüssel zum Glück. Die Suche nach mir selbst endete, als ich begriff, dass ich bereits da war und voll und ganz bei mir blieb. Mit dieser Verbindung tauchte eine Freude auf, die die Buddhisten gerne als die „Freude des Seins“ bezeichnen. Das ist in anderen Worten pure Lebensfreude -nicht überschwänglich, sondern eher friedlich und sehr tief.
Ich selbst erlebe mich heute immer wieder als die Kraftquelle und den Ort der Verbundenheit, nach dem ich so lange Ausschau gehalten haben. Und mit dieser Verbundenheit zu mir, geht eine Verbundenheit mit anderen automatisch einher. Es ist keine egozentrische Selbstliebe, sondern eine Öffnung des Herzens nach innen wie nach außen.
Je mehr ich wirklich ich da bin, desto mehr beginnt etwas zu fließen, da ich aufgehört habe gegen mich zu arbeiten.
Auch im Focusing beschreibt Eugene Gendlin Veränderung nicht als etwas, das wir machen, sondern als etwas, das entsteht, wenn wir uns selbst auf eine offene und ehrliche Weise begegnen.
„Was gefühlt werden darf, kann sich verändern.“
Auch aus aus Sicht des Nervensystems ergibt das Sinn
Viele Menschen verbringen Jahre damit, sich anzupassen, Erwartungen zu erfüllen oder bestimmte Rollen aufrechtzuerhalten. Das Nervensystem investiert dabei oft enorme Energie in Schutzstrategien: funktionieren, kontrollieren, leisten, gefallen, durchhalten.
Diese Strategien haben ihren guten Grund. Sie helfen uns, mit Belastungen umzugehen und schwierige Situationen zu bewältigen. Doch sie kosten eben auch Kraft und auf Dauer machen sie irgendwann krank.
Wenn wir beginnen wirklich innezuhalten, bei uns zu bleiben, uns selbst wieder Stück für Stücke mehr wahrzunehmen – unseren Körper, unsere Bedürfnisse, unsere Grenzen und unsere Impulse –, entsteht häufig etwas anderes:
Mehr Verbindung.
Mehr Sicherheit.
Mehr Lebendigkeit.
Somatic Experiencing beschreibt Heilung als ein behutsames Wieder-in-Kontakt-Kommen mit dem eigenen Erleben im Körper. Es geht darum uns in langsamen, behutsamen Schritten und immer näher zu uns hinzubewegen, bis wir dem begegnen, was in uns wirklich lebendig ist und es durch unsere nicht urteilende Präsenz und viel Mitgefühl befreien.
Aktuelle Forschung zeigt zudem, dass die Wahrnehmung innerer Körperzustände – die sogenannte Interozeption – eng mit Emotionsregulation, Selbstregulation und psychischem Wohlbefinden verbunden ist. Je besser Menschen die Signale ihres Körpers wahrnehmen und verstehen können, desto besser gelingt häufig auch der Umgang mit Stress.
Ein Brunnen muss nicht lernen, Wasser zu produzieren. Er muss lediglich frei sein, damit das Wasser fließen kann.
Heute glaube ich mehr und mehr: Die größte Ressource, die ich aufbauen kann, ist nicht noch mehr Wissen über mich, sondern die Erlaubnis, ich selbst zu sein.
Persönliche Entwicklung kommt nicht immer dann, wenn wir besonders hart an uns arbeiten. Nicht selten kommt sie erst dann richtig in Gang, wenn wir immer weniger von uns selbst weggehen.
Denn vielleicht liegt die Quelle von Kraft, Kreativität und innerer Sicherheit nicht außerhalb von uns.
Wir sind die Quelle.
Anna